AllgemeinGender und Sport

Im Interview: Christina Schimann über Ehrenamt im Sport

Von 23. April 2020 Kein Kommentar

Dein ehrenamtliches Engagement ist beachtlich. Wo hast du dich bisher engagiert und wo engagierst du dich aktuell, Christina?

Ich begann sehr früh, mich im und für den Sport in München zu engagieren. Bereits mit 15 Jahren unterstützte ich bei den Sportfreunden Harteck e.V. als Übungsleiter-Assistentin in den Judo-Stunden und besserte damit mein Taschengeld auf. Mit 18 Jahren konnte ich das Training schließlich selbstständig übernehmen und gleichzeitig für ein offizielles Amt im Verein kandidieren. So wurde ich zunächst zur Jugendleiterin der Judoabteilung und anschließend zur stellvertretenden Jugendleiterin des Gesamtvereins gewählt. Zu dieser Zeit war ich auch Vorstandsmitglied der Münchner Sportjugend. Mit 23 Jahren übernahm ich, damals als jüngste Vereinsvorsitzende Bayerns, den Vorstandsvorsitz der Sportfreunde Harteck und war während meiner Amtszeit auch Mitglied des Sportbeirats der Landeshauptstadt München. Mittlerweile bin ich in der zweiten Amtsperiode als Frauenvertreterin im BLSV-Kreis München-Stadt für die Stärkung der Frauenrolle im Münchner Sport engagiert.

Was bedeutet für dich ehrenamtliches Engagement und was motiviert dich, dich selbst ehrenamtlich zu engagieren?

Für mich ist ein Ehrenamt immer ein EHREN-Amt. Mein Verein hat mein Leben, insbesondere durch das mir im Judo vermittelte Wertesystem, sehr stark geprägt. Dafür bin ich dankbar und konnte dem Verein mit meinem ehrenamtlichen Engagement etwas zurückgeben. Heute stelle ich durch meine Arbeit im Kreisvorstand fest, dass ich mit meiner Geschichte für viele Frauen ein Vorbild bin, und möchte diese ermutigen, ihren sportlichen Karriereweg ebenso zu gehen.

Wie organisierst du dich, damit Beruf, Familie und Ehrenamt unter einen Hut gebracht werden können?

Immer alles unter einen Hut zu bringen, ist nicht leicht. Mein Job als Unternehmensberaterin, in dem ich einen großen Teil der Woche deutschlandweit unterwegs bin, ist mir sehr wichtig und verlangt mir einiges ab. Privatleben und Ehrenamt stecken da aktuell leider oftmals zurück. Letztendlich muss man für sich selbst die richtigen Prioritäten setzen und sein Umfeld entsprechend sensibilisieren. So bekomme ich von meiner Familie, Freunden, Kollegen oder Vorstandskollegen auch in stressigen Zeiten die notwendige Unterstützung.

Welche Herausforderungen und Hürden gibt es vor allem für junge Frauen, die gegen ein ehrenamtliches Engagement sprechen?

Als ich mit 23 Jahren Vereinsvorsitzende wurde, fragten mich viele, ob ich das überhaupt könne. Wäre ich ein Mann Mitte 60 gewesen, hätte mich das garantiert niemand gefragt. Ja, ich konnte das. Die größte Herausforderung und Hürde stellt meiner Meinung nach immer noch das „Mindset“ dar. Wir haben in Deutschland nach wie vor ein klassisch geprägtes Rollenbild, das Männern wie Frauen in unserer Gesellschaft bestimmte Verhaltensweisen, Eigenschaften und Aufgaben zuweist. Dadurch entstehen Erwartungshaltungen und Vorurteile, die z.B. durch Erziehung oder Medien nicht nur in die Köpfe von Männern, sondern auch in die von uns Frauen gelangen. Als Frau kämpft man deshalb nicht nur gegen das gesellschaftlich vorherrschende, sondern oftmals auch gegen das persönliche Mindset. Das macht es für junge Frauen doppelt schwer, zumal sie mit „Frau“ und „jung“ gleich zwei der gängigen Klischees erfüllen.

Was kann die Gesellschaft tun, um das Ehrenamt v.a. für junge Frauen wieder attraktiver zu machen?

Wir benötigen in unserer Gesellschaft einen Wandel des klassischen Genderverständnisses. Allerdings ändern sich solch historisch gewachsene Strukturen nur langsam und schwer. Damit sich die realen Verhältnisse schneller ändern, sind Frauenquoten ein probates Mittel, mit dem die Sportpolitik regulierend eingreifen kann. Herrscht erst einmal Vielfalt, wird das Ehrenamt auch für junge Frauen wieder attraktiver. Darüber hinaus müssen insbesondere wir Frauen uns gegenseitig mehr unterstützen. Gemeinsam stellen wir über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung dar. Halten wir zusammen, ist das schon eine ganz enorme Macht.

Mit dem BLSV-Kreis München-Stadt organisiert ihr regelmäßig das „Frauencafe“. Was hat es damit auf sich und wie hilft es dabei, Frauen für das Ehrenamt zu motivieren und diese auch zu etablieren?

Hinter unserem Frauencafé steckt weit mehr als ein Samstagvormittag bei Kaffee und Kuchen. Es dreht sich vielmehr um die Umsetzung einer gezielten Drei-Säulen-Strategie, mit der wir weibliche Talente gewinnen, fördern und halten möchten, um die Anzahl von Frauen in sportlichen Führungspositionen zu erhöhen. Die erste Säule „Win“ setzt dabei auf die Gewinnung weiblicher (Nachwuchs-)Führungskräfte im Sport, durch den Aufbau eines Talentpools, d.h. eines strategischen Frauennetzwerks, über Vereinsgrenzen hinweg. Die zweite Säule „Support“ umfasst die Unterstützung der weiblichen (Nachwuchs-)Führungskräfte im Talentpool durch die Vernetzung und den regelmäßigen Austausch zu relevanten genderspezifischen Themen im Rahmen unserer Netzwerktreffen, den Frauencafés. Mit der dritten Säule „Keep“ möchten wir Drop-out-Effekte reduzieren und die gewonnenen weiblichen (Nachwuchs-)Führungskräfte durch gegenseitiges Feedback und Mentoring innerhalb des Talentpools gezielt weiterentwickeln. Alle unsere Veranstaltungen waren bis dato ein voller Erfolg und wir haben sehr positives Feedback von den teilnehmenden Frauen erhalten. Das nächste Frauencafé wird am Samstag, den 28.03., um 10.00 Uhr im Rathaus der Landeshauptstadt München stattfinden. Interessierte Frauen sind herzlichst eingeladen vorbeizuschauen.

Wie können das Vereinsleben und die Vorstandsarbeit im Sport für Frauen attraktiver werden?

Unsere Erfahrungen aus den vergangenen Frauencafés haben gezeigt, dass es den Frauen sehr hilft, nicht alleine zu sein. Die Möglichkeit zur Vernetzung, insbesondere auch über Vereins- und Funktionsgrenzen hinweg, der gegenseitige Support und das Feedback untereinander sowie die allgemeine Wertschätzung von Frauen als Leistungs- und Entscheidungsträgerinnen im Sport, sind wichtige Bausteine. Auch deshalb führen wir unsere Frauencafés so erfolgreich durch.

Die Münchner Sportjugend setzt sich auf Verbandsebene für eine Geschlechterquote ein: was hältst du von Quotenregelungen, wie sie sich beispielsweise auch der Sportbereich der LH München gegeben hat?

Ich bin eine absolute Befürworterin von Geschlechterquoten und finde es sehr gut, dass sich die Münchner Sportjugend auf Verbandsebene dafür einsetzt. Meiner Meinung nach ist es immer wirksamer, selbst auf dem Stuhl zu sitzen und zu gestalten, anstatt zu warten, dass sich andere um die eigenen Anliegen kümmern. Ohne Quote ist dieser Stuhl für viele Frauen aber leider immer noch unerreichbar. Trotzdem sprechen sich gerade Frauen häufig dagegen aus, da sie befürchten, als „Quotenfrau“ betrachtet zu werden, die einen Posten nur aufgrund einer Quote und nicht aufgrund ihrer Qualifikation erhalten hat. Auch hier befinden wir uns wieder in einem gängigen Klischee. Frauen besuchen dieselben Schulen, absolvieren dieselben Ausbildungen und studieren an denselben Universitäten wie Männer. Ein Amt aufgrund einer Quote erhalten zu haben, bedeutet daher keinesfalls, geringfügiger qualifiziert zu sein.

Abschließend: Was ist dein Plädoyer oder deine Forderung für mehr weiblichen Nachwuchs im Sport?

Ich fordere den weiblichen Nachwuchs auf, sich hohe Ziele zu setzen und diese selbstbewusst und unabhängig von den traditionellen Rollenklischees zu verfolgen, sich nicht von etwaigen Hindernissen aufhalten zu lassen und sein volles Potenzial auszuschöpfen. Gleichzeitig muss sich jeder von uns fragen, wie er die weibliche Jugend bei der Erreichung ihrer individuellen Ziele unterstützen kann, damit wir in Zukunft über den „Nachwuchs“ und nicht mehr über den „weiblichen Nachwuchs“ sprechen, weil es absolute Chancengleichheit zwischen beiden Geschlechtern gibt.

Antwort hinterlassen