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Kinder brauchen Kinder! Im Gespräch mit Judith Greil (KJR)

Von 21. September 2020 Kein Kommentar

Kinder und Jugendliche „gehören zur verletzlichsten Gruppe der Gesellschaft“ schreibt der Kreisjugendring in seinem Positionspapier „Kinder und Jugendliche auch in Krisenzeiten nicht vergessen!“. Trotzdem sind es vor allem sie, die lange im gesellschaftlichen Diskurs im Zusammenhang mit der Corona-Krise unberücksichtigt geblieben sind. Woran lag das?

Ich glaube, das lag zum einen daran, dass wir alle von dieser Krise überrascht wurden. Eine Pandemie solchen Ausmaßes haben wir vorher alle noch nicht erlebt. Dann hat man sich zunächst auf den Gesundheitsschutz und die Stabilisierung unserer Wirtschaft konzentriert. Junge Menschen aber, die keine so finanzstarke und mächtige Lobby haben, deren Interessen sind unter den Tisch gefallen. Das Fatale daran ist, dass vor allem Kinder, je jünger, desto stärker, von den Einschränkungen betroffen waren. Als wir Erwachsene noch „ganz normal“ zur Arbeit gehen konnten und weiterhin unsere sozialen Kontakte hatten, waren es die Kinder, die mit den Schul- und Kitaschließungen leben mussten. Im schlimmsten Fall war das ein kleines Kind, welches als einziges Kind im Haushalt gelebt hat und ohne soziale Kontakte zu Gleichaltrigen war, und das über Wochen hinweg. Dass eine solche Isolation Auswirkungen auf die Psyche und die Entwicklung von jungen Menschen hat, da muss man kein Experte sein, um sich das denken zu können.

Viel wurde über die Eltern gesprochen, Kinder …

… wurden nicht als Gruppe mit eigenen Bedürfnissen und Interessen, sondern wenn überhaupt als Betreuungsproblem der Eltern und später dann auch als Schülerinnen und Schüler wahrgenommen!

Der KJR München hat während der Kontaktbeschränkungen die „Raise your voice!“-Kampagne gestartet, um den Kindern und Jugendlichen eine Stimme zu geben. Was hat die jungen Menschen am meisten belastet und welche Änderungen haben sie sich gewünscht?

Die Kampagne war keine repräsentative Erhebung, aber wir haben viele Zuschriften von Kindern und Jugendlichen bekommen, die gesagt haben: „Ich vermisse meine Freundinnen und Freunde, weil ich sie nicht mehr treffen darf!“ Je jünger die Kinder, desto stärker war das ausgeprägt, da sie noch weniger Möglichkeiten hatten, zum Beispiel über WhatsApp Kontakt zu Gleichaltrigen zu halten. Sehr schnell kamen auch Antworten wie: „Ich vermisse die Schule, das Lernen und das Treffen mit Freunden und Freundinnen in der Schule“. Bei einigen kam auch der Ärger über ihre Situation zum Vorschein und dass über sie überhaupt nicht gesprochen wird, dass ihre Bedürfnisse nicht ernst genommen werden. Ein Statement war: „Es kotzt mich an, dass mehr über die Bundesliga diskutiert wird als über uns Kinder!“ Und das hat es in meinen Augen ziemlich gut getroffen.

Auch in der Politik wurde zunächst viel über wirtschaftliche Aspekte gesprochen und erst spät über die Situation von Kindern. Wie siehst du die Rolle der Politik, um die Rechte der Kinder im öffentlichen Diskurs zu festigen?

Es gibt eine UN-Kinderrechtskonvention, die natürlich auch in Krisen gelten muss. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie ernst solche Rechte genommen werden. Ob sie kurzzeitig ignoriert oder ausgehebelt oder ob sie geachtet werden. Ich glaube, in der aktuellen Situation ist es von großer Bedeutung, dass in den Beratungsgremien auch die Jugendarbeit vertreten ist. Eben nicht nur Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, sondern auch aus der Jugendarbeit, die diese speziellen Bedürfnisse noch mal einbringen können.
Und spannend finde ich auch die Weiterentwicklung von Beteiligungsformaten, die es in München ja durchaus gibt. Hier muss man auch in eine digitale Richtung denken, um junge Menschen mit einzubinden und deren direkte Beteiligung sicherzustellen.

Wie haben das eure Einrichtungen gemacht? Haben die auch versucht, digital Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen zu halten?

Bei den Einrichtungen war es sehr unterschiedlich, das liegt auch an ihren jeweiligen Zielgruppen. Manche arbeiten mit Kindern, andere mit Jugendlichen und teils jungen Erwachsenen. Bei den Kindern sind viele digital noch nicht so gut erreichbar, da sie noch kein WhatsApp oder Instagram nutzen, da hat man dann eher mal zu Hause angerufen, sich bei den Eltern informiert, wie die Situation ist, oder einen Brief oder kleine Päckchen verschickt, um eben auch analoge Angebote machen zu können. Beispielsweise wurden Basteltüten gepackt, die dann auch vor den Einrichtungen zum Abholen bereitgestellt wurden. Dann konnte man sich auch durchs Fenster mal sehen. Die Einrichtungen, die eher mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten, haben natürlich für Beratungsgespräche, ihre Kommunikation und kreative Angebote auch  Messenger und soziale Medien genutzt, da wurde viel Jugendarbeit ins Digitale verlegt. Wie kreativ die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KJR dabei sind, ist übrigens auf den beiden Blogs kjr-kinderwelten und webzweinull zu sehen.

Wollt ihr diese digitalen Angebote auch weiterhin nutzen?

Ja auf jeden Fall. Wir haben die Digitalisierung schon vor Corona als eines der strategischen Ziele des KJR festgelegt. In diesem Bereich konnten wir nun einen enormen Sprung nach vorne machen. Besondere Bedeutung kommt unserem Arbeitskreis zu, der sich über verschiedenste Tools, Datenschutz und Co. austauscht. Ich finde es ist wichtig, dass wir jetzt nicht hinter diese Errungenschaften zurückfallen, sondern die digitale Jugendarbeit weiterhin als essenziellen Bestandteil von Jugendarbeit betreiben. Trotzdem freuen wir uns natürlich, dass jetzt auch wieder direkte soziale Kontakte möglich sind.

Eine solche soziale Isolation hat Folgen für Kinder und Jugendliche. Was ist dir besonders aufgefallen?

Während des Lockdown hat uns das Thema Kinderschutz sehr beschäftigt.  Ohne den direkten Kontakt zu den Kindern war es schwer festzustellen, ob es ihnen gut geht. Was sofort sichtbar wurde, ist, dass die Bildungsungerechtigkeit noch mal verschärft wird, da viele Schulen und Kinder gar nicht die Möglichkeit hatten, die digitalen Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen zu schaffen.
Außerdem finde ich, man kann eine steigende Zukunftsangst feststellen: Bekomme ich noch einen Ausbildungsplatz? Wie viele Ausbildungsplätze wird es geben? Hinzu kommt der enorme Stress zum Beispiel während der Abschlussarbeiten.

Kinder haben ein Recht darauf, ihrem natürlichen Bewegungsbedürfnis nachzukommen. Welche Rolle spielen Sport und Bewegung gerade in einer solchen Krisenzeit?

Ich glaube Sport spielt eine essenzielle Bedeutung. Gerade Kinder haben einen höheren Bewegungsdrang als Erwachsene. Von daher redet man als Erwachsener da leicht, wenn man sagt, dass man halt mal ein Wochenende in der Wohnung sitzen bleibt. Bitte nicht! Überall ist zu lesen, dass die jungen Leute sich mehr bewegen sollen, sie zu faul geworden seien, und jetzt interessiert es plötzlich keinen mehr, weil wir Corona haben. Ich finde es gut, dass mittlerweile wieder Sportangebote ermöglicht werden, da gibt es gute Konzepte, sodass auch das Training in der Gruppe wieder möglich ist und man nicht nur einsam die Straße entlang joggt.

Wie können wir künftig eine stärkere Lobby für Kinder und Jugendliche etablieren?

Meiner Meinung nach sind Kampagnen wie „Raise your voice“ oder Aktionen wie die der MSJ „#dieStimmederKinder“ schon sehr richtig. Wir müssen auf die Bedürfnisse der jungen Menschen aufmerksam machen, auf die essenzielle Bedeutung von Jugendarbeit sowie auf die besonderen Interessen von Kindern und Jugendlichen. Wir müssen laut sein und dürfen es uns nicht gefallen lassen, dass die Kinder vergessen werden.

In Antwerpen mussten die Corona-Beschränkungen aufgrund steigender Fallzahlen wieder verschärft werden. Kinder unter 12 Jahren sind jedoch von einigen Kontaktbeschränkungen ausgenommen, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren dürfen anders als Erwachsene weiterhin im Sportverein aktiv trainieren. Wie findest du ein solches Vorgehen?

Ich finde es in jedem Fall wichtig, dass es nicht noch mal einen vollständigen Lockdown für Kinder und Jugendliche gibt, in dem sie quasi zu Hause eingesperrt sind. Es darf keine Schließung von sämtlichen Angeboten für Kinder und Jugendliche mehr geben. Ob der Weg in Antwerpen richtig ist, dass Kinder von den Beschränkungen komplett ausgenommen werden, kann ich nur schwer beurteilen. Ich denke, wir profitieren aber jetzt davon, dass wir schon erprobte Hygiene- und Schutzkonzepte haben, beispielsweise auch für unsere Freizeiteinrichtungen oder den Sport. Das wird uns helfen, um für Kinder künftig strenge Kontaktbeschränkungen zu vermeiden.

In Norwegen hat die Ministerpräsidentin während der Corona-Krise schon sehr früh eine Pressekonferenz ausgerichtet, die sich explizit an Kinder gerichtet hat. Damit hat sie auch ein Statement gesetzt.

Das fand ich richtig gut, einfach mal kindgerecht erklären, was gerade passiert, ohne Angst zu machen, sondern einfach um Verständnis zu schaffen. Auch, dass diese schwere Zeit wieder enden wird. Das zeigt einfach auch, dass man Kinder als Menschen mit eigenen Bedürfnissen ernst nimmt.

Wie müssen wir in Zukunft mit unseren Kindern und Jugendlichen umgehen, damit wir ihre Stimme auch abseits von Krisen hören?

Man sollte mit ihnen und nicht über sie reden. Das kann nicht so schwierig sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

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