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MSJ nimmt Stellung: Stellenwert der sportlichen Jugendarbeit für Kinder und Jugendliche

Von 18. Januar 2021 Kein Kommentar

Von Lisa von Eichhorn

„Mama, wenn ich jetzt nicht mehr Fußballspielen darf, dann muss ich aber auch nicht mehr in die Schule, oder?“ – Mit diesem Satz konfrontiert mich mein 8-jähriger Sohn, als ich ihm mitteile, dass sowohl sein Fußballtraining als auch seine Fußballspiele erst mal ausgesetzt sind. Schnell schiebt er noch nach: „Und wo kann ich jetzt noch meine richtigen Freunde sehen?“ Meine Erwiderung, dass er diese ja teilweise noch in der Schule sehe, nimmt er nur missmutig zur Kenntnis und verzieht sich traurig auf sein Zimmer. Schnell wird mir klar: Schule kann vieles, aber nicht alles!

Ja, bei beiden lernt er was und trifft seine Freunde. Bei welcher Sache der Spaß für ihn aber größer ist, brauche ich an dieser Stelle nicht aufzuführen. Der Satz meines Sohnes geht mir noch länger nach und macht mir doch wieder bewusst, welche Wichtigkeit und welchen Stellenwert der Sport und auch das damit verbundene soziale Miteinander speziell für Kinder, aber auch Jugendliche haben.

Dieses „MSJ nimmt Stellung“ soll die politische Diskussion um die Rolle und Bedeutung der sportlichen Kinder- und Jugendarbeit als ein besonders bedeutsames Feld der Jugendförderung unterstützen.

Gerade in der heutigen Zeit besteht die Jugendarbeit eines Vereins nicht mehr nur aus der sportlichen Ausbildung der Spieler. Vielmehr übernehmen die Sportvereine auch erzieherische Aufgaben, die weit ins gesellschaftliche Leben hineinreichen. Die Entwicklung der Persönlichkeit und das Vermitteln von gesellschaftlich relevanten Werten wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Pünktlichkeit und Respekt nehmen einen großen Stellenwert ein.

Sportliche Jugendarbeit ist …

  1. Demokratischer Bildungsort
    Durch den freiwilligen Charakter der sportlichen Kinder- und Jugendarbeit setzt das Bildungsangebot der Kinder- und Jugendarbeit an den Interessen der jungen Menschen selbst an. In von der Jugendvertretung des Vereins organisierten Kinder- und Jugendversammlungen lernen Kinder und Jugendliche ihre eigenen Interessen zu vertreten. Oft sind dies die ersten Erfahrungen ernsthafter Mitbestimmung und Mitgestaltung. Dies wird in der Praxis z.B. in der Organisation von Vereinsfesten und -veranstaltungen geübt und erprobt – dazu gehört auch, dass manchmal etwas nicht gelingt und scheitern darf. Ohne solche Erfahrungen gelebter Partizipation im eigenen Umfeld können Kinder und Jugendliche nicht zu demokratischen Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen. Sie lernen Verantwortung und Selbstorganisation zu übernehmen.
  2. Freiwilliger Lernort
    In der sportlichen Kinder- und Jugendarbeit entscheiden die Heranwachsenden größtenteils selbst, mit was sie sich beschäftigen wollen, daher gestalten die Teilnehmenden größtenteils ihre Lern- und Erfahrungswelten selbst mit. Jugendarbeit im Verein hat einen offenen Aufforderungs- und Angebotscharakter. Kinder und Jugendliche widmen sich dem, was ihnen in dem jeweiligen Augenblick wichtig ist und Spaß macht. Sportliche Jugendarbeit ist zwar frei von Zensuren, Kinder und junge Menschen erhalten aber Anleitung und Rückmeldung, Lob wie auch Kritik.
  3. Lebenslaufbegleitung
    Die Übungsleiter und Übungsleiterinnen begleiten viele Kinder und Jugendliche oft über eine längere Zeit. Sie sind Vertrauensperson, „bleiben dran“ in den Höhen und Tiefen der Kindheit und der Pubertät und bieten sich als Unterstützende, aber auch kritisches Gegenüber an.
  4. Ehrenamtliches Engagement
    Gerade die Vereine und die sportliche Jugendarbeit sind Orte des Ehrenamts. So übernehmen jugendliche Spielerinnen und Spieler aus vereinseigenen Mannschaften des Öfteren Helferaufgaben oder sogar das Training bei den Kindermannschaften. Hierbei darf man sie jedoch nicht alleine lassen, sondern sie brauchen ein Mentoring durch regelmäßige Begleitung und Qualifizierung.
  5. Anerkennung und Wertschätzung
    Die Arbeit in den Vereinen setzt an den Stärken der Kinder und Jugendlichen an. Gerade benachteiligte junge Menschen, die teilweise privat und auch in der Schule viele Misserfolge und Zurücksetzungen erfahren, können sich mit ihren eigenen Fähigkeiten angenommen fühlen. Die sportliche Pädagogik ist darauf ausgerichtet, sie zu unterstützen und zu stärken. So kann ein in der Schule leistungsschwaches Kind sich beispielsweise im Fußballverein das nötige Selbstvertrauen holen, das es dann auch wieder bei seinen schulischen Aufgaben stärkt. Und ein schüchternes Kind, das sich in der Schule nichts zutraut, kann im Judotraining merken, dass in ihm Kräfte schlummern, von denen es bis jetzt noch nichts wusste.
  6. Bildung und soziales Lernen
    Sportliche Jugendarbeit bietet vielfältige Möglichkeiten und kaum Leistungsdruck. Die Resonanz der Gleichaltrigen und die Tipps und Antworten der Übungsleiter machen den Wert der Arbeit aus. Gerade Kinder und Jugendliche mit geringen finanziellen Ressourcen oder mit Migrationshintergrund erfahren so eine kostengünstige Möglichkeit, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen, und haben sowohl Alternativen zu kommerziellen und teuren Angeboten als auch eine gesunde Alternative zur Medienlandschaft mit Fernsehen und Spielkonsolen.
  7. Vielfalt
    Es gibt nicht DIE sportliche Jugendarbeit. Sie reagiert auf die Bedarfe der Kinder- und Jugendlichen vor Ort. Deshalb ist sie in jedem Verein und des Weiteren in jeder Sportart so unterschiedlich. Diese Pluralität macht die Vielfalt und die Chance der sportlichen Jugendarbeit aus.
  8. Förderung der Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit
    Es darf auch mal gestritten werden: Im Kontakt und in der Auseinandersetzung in der eigenen Gruppe, mit anderen Mannschaften und mit den Übungsleitern wird darum gerungen, wie die gemeinsame Zeit organisiert wird und welche Regeln gelten sollen. So wird die Gestaltung von Beziehungen gelernt. Nur durch Konflikte und den richtigen Umgang damit erlangen die Heranwachsenden Kompetenzen, die sie für ihr weiteres Leben brauchen. Auseinandersetzung führt auch zum Abbau von Vorurteilen. Sportliche Jugendarbeit stärkt das Selbstbewusstsein. Positive Erfahrungen der Anerkennung und Wertschätzung geben Kraft und Mut für den eigenen, selbst gewählten Lebensweg.

In meinen Augen sehr treffend schreibt die „Süddeutsche“ am 31. Oktober: Wie kann man pauschal den Sport verbieten, wo man doch diesmal erkannt hat, dass Schulen offen bleiben müssen? Ist Sport nicht genau das: Lebensschule?

Der deutsche Dichter und Humorist Joachim Ringelnatz schrieb einmal: „Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine,/ Kürzt die öde Zeit,/ Und er schützt uns durch Vereine,/ Vor der Einsamkeit.“ An dieser Aussage hat sich bis heute nicht viel geändert. Ich hoffe, dass für meinen Sohn und alle anderen im Verein Sporttreibenden eine nicht zu einsame Zeit angebrochen ist.

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